Attraktive Lehre? Unsere Lösungen für die Ausbildung der Zukunft

27. Juli 2022

Die Situation in Kärnten wird immer dramatischer; auf eine Lehrstelle kommen 0,5 Bewerber_innen. NEOS-Chef Janos Juvan stellt mit NR-Abg. und NEOS-Lehrlingssprecher Yannick Shetty in einer Pressekonferenz Lösungen vor. Juvan: „Lehrlinge sind die Fachkräfte und Unternehmer_innen von morgen. Wir müssen jetzt echte Lösungen schaffen, damit die Lehre die Ausbildung der Zukunft wird.“

Nicht nur in Kärnten suchen Wirtschaftstreibende händeringend nach Auszubildenden. Doch in Kärnten spitzt sich die Situation immer mehr zu: Auf eine Lehrstelle kommen laut Statistik der Wirtschaftskammer 0,5 Bewerber_innen. Die Zahl der offenen Lehrstellen steigt kontinuierlich an; 2021 lag die Zahl der offenen Lehrstellen bei rund 6.200 – einer Steigerung im Vergleich zu 2020 um 68,7 %.
„Erschwerend kommt hinzu, dass es auch in Kärnten eine hohe Konzentration auf einige wenige Lehrberufe gibt. Die Top 3 bei den Frauen sind Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Frisörin/Stylistin. Bei den Männern sind es der Elektro-, Metall- und Kraftfahrzeugtechniker. Nur ca. zehn Prozent absolvieren übrigens eine Lehre mit Matura“, informiert NEOS-Landessprecher Janos Juvan.

Auch bundesweit sieht NR-Abg. und Lehrlingssprecher Yannick Shetty dringenden Handlungsbedarf, um die Lehre sowohl für junge Menschen als auch die ausbildenden Betriebe zu attraktivieren. „Ich habe in den vergangenen Jahren mit vielen Lehrlingsausbildner_innen und Lehrlingen in ganz Österreich gesprochen. Eine große Herausforderung ist dabei der regionale Missmatch zwischen Angebot und Nachfrage. Gleichermaßen beschäftigt die Unternehmen insbesondere das unterschiedliche Ausbildungsniveau der Bewerber_innen sowie der Umstand, dass die Lehre für viele Jugendliche nicht so attraktiv erscheint und viele das Gefühl haben, sie müssten ins Gymnasium gehen. Auch die Vorgaben für die Lehrlingsausbildung müssen adaptiert und an die heutigen Arbeitswelten und Anforderungen angepasst werden.“

Nur Kosmetik ist zu wenig 
– jetzt die Probleme an der Wurzel packen

Natürlich gibt es in Kärnten viele Bemühungen und regionale Initiativen, die versuchen, die Lehre aufzuwerten und auch Maturant_innen für die Lehre zu begeistern, wie etwa die My Academy Greifenburg GmbH oder die Lehrlingsakademie Karnische Region – um nur zwei zu nennen. 
Jedoch, so Juvan: „Es reicht nicht, nur die Oberfläche zu polieren, wir müssen das Problem bei den Wurzeln packen. Die Arbeitswelten verändern sich genauso, wie die Anforderungen an die Mitarbeiter_innen und Unternehmer_innen. 0,5 Bewerber_innen auf eine offene Lehrstelle – jetzt müssen Lösungen her, jetzt muss Lehre als Ausbildungsmodell der Zukunft neu gedacht werden!“ Konkret nennt Juvan drei Forderungen: Effizientere und individuellere Berufsorientierung in den Schulen, die Einführung einer Mittleren Reife sowie bessere Rahmenbedingungen für die Lehre nach der Matura.

Quo vadis? Berufsorientierung 
verbreitern und individualisieren

Eine Herausforderung, vor der nahezu jeder Jugendliche mit 14 Jahren steht ist, sich für einen Beruf oder eine berufliche Richtung entscheiden zu müssen. „Viele Jugendliche sagen mir in Gesprächen, sie wissen nicht, welche Möglichkeiten ihnen überhaupt offen stehen und bemerken oft erst sehr viel später auf ihrem Weg, wo ihre Talente liegen und in welchem Feld sie diese hätten einsetzen können“, so Juvan. 
Einige wenige Berufsorientierungstage oder Messebesuche sind hier eindeutig zu wenig, NEOS fordern einen verpflichtenden Berufsorientierungsunterricht ab der 1. Klasse Mittelschule und AHS. Juvan: „Lehrberufe sollen für die jungen Menschen als gleichwertige Option neben akademischen Berufen darstellen und insbesondere müssen sie rechtzeitig erfahren, welche Vielfalt und welche weiterführenden Möglichkeiten sich ihnen hier bieten.“

Gleichermaßen gilt es für Juvan, die Berufsorientierung auch zu individualisieren. „Das kann in den Schulen mit persönlichen Beratungsangeboten geschaffen werden, begleitet im Idealfall durch Coaching-Angebote, um auch potenziell frühe Bildungsabbrüche zu verhindern.“

Gebühren für die Meisterprüfung abschaffen

Ebenso relevant in der Gleichstellung eines Fachberufes mit einer akademischen Ausbildung ist für Shetty die Abschaffung der Gebühren für die Meisterprüfung. „Für den akademischen Titel müssen wir auch nicht zahlen, das ist unfair und absolut im Ungleichgewicht, wenn wir der Lehre und Fachausbildung endlich die gleiche Bedeutung zukommen lassen wollen, wie einer akademischen.“

Mittlere Reife als Ausbildungsbasis für Betriebe

Aus betrieblicher Sicht ist ein zentrales Problem in der Ausbildung junger Menschen auch das Bildungsniveau der Bewerber_innen, das oft zu niedrig ist. Shetty: „Am Ende der Schulpflicht werden oft nicht einmal die grundlegenden Kulturtechniken wie sinnesfassendes Lesen und Grundrechnungsarten beherrscht. Um dieses Problem in Griff zu bekommen, sind Investitionen und Verbesserungen entlang der gesamten Bildungslaufbahn Kindergarten-Volksschule-Mittelschule notwendig.“

Juvan, selbst Unternehmer, fordert deshalb die Einführung einer Mittleren Reife. „Als Voraussetzung für den Eintritt in eine Lehre darf nicht das Absitzen von neun Schuljahren genügen. Durch die Einführung der Mittleren Reife als Schnittstelle zwischen Pflichtschule und Lehre können sich Betriebe künftig darauf verlassen, dass Lehrlinge eine einheitliche Grundausbildung haben und das Bildungsniveau auf dem gleichen Level ist.“ 
Die Mittlere Reife soll einen standardisierten Prüfungsteil zu den Grundfertigkeiten und individuelle, portfolio- oder projektartige Bestandteile umfassen.
Jugendliche, die dieses Ziel nach neun Schuljahren nicht erreichen, sollen mit zusätzlichen Förderangeboten, Lerncoaching und psychosozialer Unterstützung an die Zielerreichung herangeführt werden. Zudem kann die Möglichkeit einer "Teil-Lehre" oder "Hilfslehre" für jene vorgesehen werden, die trotz zusätzlicher Unterstützung nicht die Mittlere Reife erreichen.

Lehre nach der Matura 
als vollwertige Alternative zum Studium etablieren

Was in Deutschland Gang und Gäbe ist, wird hierzulande nur kaum genutzt: Die Lehre nach der Matura. In Deutschland sind es immerhin 30 Prozent der Maturant_innen, die sich im Anschluss an ihr Abitur für eine Lehre entscheiden. „Für junge Erwachsene ist eine Lehre nach der Matura nicht attraktiv“, sagt Juvan. „dabei hätte diese Form der Lehre das Potenzial, zu einer vollwertigen Alternative zum Studium zu werden“. 
Entsprechend fordern NEOS, die rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Lehre so zu gestalten, dass auch eine für Erwachsene passende und attraktive Variante angeboten werden kann. 

Juvan: „Dazu braucht es einerseits entsprechende Berufsorientierungsmaßnahmen in der AHS-Oberstufe und andererseits eine adäquate Förderung, damit junge Erwachsene es sich auch leisten können, eine Lehre zu absolvieren.“ 
Shetty ergänzt: „Höhere Förderungen für Lehrlinge sind auch vor dem Hintergrund gerechtfertigt, dass die Ausbildung selbst den Staat weitaus weniger kostet als ein Hochschulstudium.“ 

Jetzt an den großen Stellschrauben drehen

Juvan appelliert abschließend noch einmal eindringlich: „Die Lehre hat das Potenzial, die Ausbildung der Zukunft zu sein. Junge Menschen sind die Fachkräfte und die Unternehmer_innen von morgen. Die Vorzeichen sind alarmierend, wenn auf eine offene Lehrstelle nur 0,5 Bewerber_innen kommen. Das bedeutet, die Lehre ist aus mehrerlei Gründen nicht attraktiv. Weder für angehende Lehrlinge, noch für Betriebe. Deshalb ist es wichtig, jetzt Lösungen umzusetzen und an den großen Stellschrauben zu drehen, die auch mittel- und langfristig wirken.“